Untitled (Lesebrobe)

Mein zweiter noch unfertiger und bisher titelloser Fantasyroman handelt von dem sarkastischen und charismatischen Einzelgänger Seth Callaghan - seines Zeichens hauptberuflicher Dieb - in der mittelalterlichen von Magie geprägten Stadt Atruin, der sich mittels magischer Hilfsmittel selbst die bestbewachtesten Besitztümer aneignet.
Nach einem weiteren erfolgreichen Raubzug erhält er einen äußerst lukrativen Auftrag, der zu verlockend ist, um ihn auszuschlagen. Nach einer Weile beginnt er jedoch dies zu bereuen ...


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Enttäuschende Ausbeute
Ein leises Klicken war zu vernehmen, dann schwang die vermoderte Tür auf. Seth lächelte zufrieden und verstaute sein Werkzeug in seiner Tasche.
Dieser Tage war es viel zu einfach geworden sich in Atruin zu fremden Häusern Zutritt zu verschaffen – erst recht, wenn die Türen ohne jegliche Magie verriegelt waren, wie diese hier.
Die Bewohner dieses Hauses mussten entweder ziemlich gutgläubig oder ziemlich arm sein, dass sie ihr Hab und Gut nur einem einfachen mechanischem Schloss anvertrauten, wo die Anzahl der Männer aus Seths Metier doch stetig zunahm und diese immer raffinierter wurden.
Heutzutage ließ jeder, der nur ein wenig von sich hielt, oder Interesse daran hatte, seinen Besitz für längere Zeit auch so nennen zu können, sein Haus auf magische Weise versiegeln, so dass nur der Bewohner des Hauses dasselbe auch betreten konnte. Derlei Sicherheitsvorkehrungen waren in Atruin nicht nur gängig, sondern in letzter Zeit auch unglaublich billig geworden. Denn wenn es eine Berufsgruppe gab, die noch mehr Zuwachs als die Diebeszunft gewonnen hatte, dann waren das die Magier. Jeder Volldepp, der gerade mal im Stande war, seinen eigenen Namen in drei Versuchen richtig zu schreiben, konnte die Ausbildung zum Magier beginnen, seitdem die obersten Magier dahintergekommen waren, wie man die magischen Kräfte in einem Menschen auch dann wecken kann, wenn dieser so wenig magisches Potenzial besaß, wie ein Stück trockenes Brot. In Folge der unglaublich großen Konkurrenz mussten die gewerblich tätigen Magier ihre Dienste daher zum Spottpreis anbieten, wenn sie nicht, wie scheinbar manche Vertreter ihrer Zunft, nur von heißer Luft und intelligentem Geschwätz (wobei man nicht genau definieren kann, wo der Unterschied zwischen diesen beiden Dingen liegt) leben konnten, sondern ab und zu auch etwas handfeste Nahrung zu sich nehmen wollten.
Diese Umstände machten Männern wie Seth das Leben ziemlich schwer, da ein magisch gesichertes Haus fast nicht für fremde Besucher zugänglich war. Mit den richtigen Kontakten, viel Überredungskunst und der Zuhilfenahme von magischen Mitteln, stellte jedoch auch dieses nur ein geringes Problem dar – zumindest in den meisten Fällen [1] . Hierfür musste man das Haus nur glauben lassen, dass man sein Besitzer wäre – was während des Betretens auf eine seltsame Art sogar zutrifft.
Schlösser wie dieses hier stellten für einen erfahrenen Beschaffer von fremdem Eigentum, wie Seth einer war, jedoch keinerlei Problem dar. Er nahm noch einen tiefen Atemzug in der kühlen Nachtluft und trat lautlos durch die eben geöffnete Tür.

Es war ruhig im Haus, was entweder bedeutete, dass die Bewohner nicht anwesend waren oder schlafen mussten. Beides kam Seth sehr entgegen. Ein kurzer Blick durch den Raum und Seth war bereits klar, warum das Haus nicht magisch versiegelt worden war: Hier gab es rein gar nichts zu holen. Sämtliche Kerzenständer waren aus Messing, Bilder waren keine vorhanden und auch sonst konnte Seth auf den ersten Blick keine Gegenstände von erkennbarem Wert ausmachen. So leicht gab er sich jedoch nicht geschlagen. Es war zwar eigentlich nicht seine Art, Häuser von armen Leuten auszurauben, aber der letzte Monat war außerordentlich kostspielig gewesen, sein Vermieter wollte nun sein Gold sehen und außer einem Laib Brot und einem Krug Milch, der mittlerweile vermutlich schon ein kollektives Bewusstsein entwickelt hatte, besaß Seth auch keine Verpflegung mehr. Wenn er also nicht in Kürze als Obdachloser auf der Straße sein täglich Brot zu erbetteln gedachte, musste er wohl oder übel ausnahmsweise einen seiner Grundsätze ignorieren.

 [...]

Langsam und ebenso leise durchquerte er den Hauptraum des in die Jahre gekommenen Gemäuers - darauf achtend, weder durch Mond- noch Fackelschein zu schreiten, da Licht der natürliche Feind eines jeden Diebes war. Ohne ein Geräusch zu machen erreichte er die Treppe zu den oberen Gemächern, wo er zumindest das ein oder andere Schmuckstück oder einen Goldbeutel zu finden erhoffte. Vorsichtig machte er einen Schritt auf die erste Stufe. Ein leises Knarren war zu vernehmen, was ihn unwillkürlich zusammenzucken ließ. Lärm war der zweite natürliche Lebensfeind des Diebes – dicht gefolgt von aufmerksamen Wachen (welche glücklicherweise eine Rarität darstellten) und nachtaktiven Hausbewohnern. Er vergrub die Hände in seiner Tasche und holte eine kleine, moosfarbene Glaskugel hervor, die er kaum hörbar auf der Treppe zerschlug. Grüne Schlieren stiegen in der Luft auf und verschwanden kurz später wieder. Seth wagte abermals einen Schritt, der nun nicht mehr zu hören war. Vermutlich hätte er den ganzen Raum zusammenbrüllen können, ohne dass in den oberen Gemächern jemand etwas davon gehört hätte, geschweige denn er selbst. Da er jedoch nicht wusste, wie sorgfältig der Magier, der dieses kleine magische Wunderwerk gefertigt hatte, vorgegangen war, wollte er es lieber nicht riskieren. Seth hasste es, auf die Arbeit anderer angewiesen zu sein – vor Allem wenn es die Arbeit eines dieser magischen Einfaltspinsel war - aber ohne Magie konnte man sich in seinem Metier kaum noch über den Status eines einfachen Taschendiebs hinwegsetzen.

Schritt für Schritt ging er bedächtig die Treppen hinauf, jederzeit gefasst darauf auf einen verschlafenen Nachtwandler zu treffen, da er schließlich nur nicht hörbar, von Unsichtbarkeit jedoch noch weit entfernt war. Das hieß zwar nicht, dass er es nicht werden konnte, aber die Mittel aus seiner Trickkiste, die dafür nötig waren, wollte er sich lieber für den richtigen Augenblick aufbewahren.

Plötzlich hörte er leise Schritte von oberhalb der Treppe und verschwand blitzschnell im Schatten an der Wand, in der Hoffnung nicht gesehen zu werden. Seine Hoffnungen wurden enttäuscht. Zwei leuchtende Augenpaare hatten ihn bereits in der Dunkelheit ausgemacht - ihr Besitzer interessierte sich jedoch herzlich wenig für ihn. Ein Kater. Die harmlosesten Haustiere für einen Dieb, die man sich vorstellen konnte. Sie gaben in den seltensten Fällen Alarm, waren jedem treu, der Futter und ein paar Streicheleinheiten für sie über hatte und hinterließen im Ernstfall selten schlimmere Wunden als ein paar Kratzer.
Die Katze ging unbekümmert weiter und Seth setzte seinen Weg nach oben fort. Als er oben angekommen war taten sich vor ihm drei Räume auf, aus denen selige Schnarchgeräusche traten – neben völliger Stille der wohligste Klang für einen Dieb. Er entschied sich für die mittlere der drei Türen und öffnete sie gekonnt ohne jeglichen Laut zu machen - was bei dem geschätzten Alter der Tür durchaus bemerkenswert war. Im Zimmer schlief ein Ehepaar auf einem schlichten Doppelbett ohne Baldachin. Er hatte mit seiner Vermutung über den Reichtum der Familie also von Anfang an richtig gelegen. Auch sonst hob sich die Einrichtung des Raumes nicht vom bereits zuvor Gesehenen ab. Ihm war sofort klar, dass es nicht einfach sein würde, hier etwas von Wert zu finden, aber in Atruin hatte selbst der ärmste Bettler noch ein mehr oder weniger wertvolles Kleinod, das sich zu entwenden lohnte.
Es dauerte nicht lange, bis er mit seinem geschulten Auge eine halb umgeklappte Ecke eines Teppichs in der Mitte des Raums ausmachte, unter der sich die Konturen einer Falltür mit einem metallenen Schloss erspähen ließen. In gebückter Haltung schlich er lautlos zu ihr hin und setzte vorsichtig seine Tasche auf dem Boden ab. Innerhalb von Sekunden hatte er das richtige Werkzeug für das Schloss der Falltür rausgesucht und machte sich vorsichtig an das Knacken des Schlosses. Die Komplexität des Schlosses war zugegebenermaßen höher als das der Eingangstür. Seth schüttelte mit dem Kopf. Es war unglaublich, wie manche Leute ihre Prioritäten setzen. Der Eindruck verstärkte sich eine halbe Minute später noch mehr, als er das Schloss geknackt hatte: Eine magische Barriere versperrte ihm den Weg zu einer unter der Falltür befindlichen Schatulle, die vermutlich bis zum Anschlag mit alten Erbstücken gefüllt war. In Anbetracht der Dicke und dem geringen Maß an Flackern, das die Barriere aufwies, musste die Arbeit relativ teuer gewesen sein, im Vergleich zu dem, was die Familie für einen stinknormalen Schutzzauber des gesamten Hauses bezahlt hätte. Offensichtlich hatte diese Familie lieber ungebetenen Besuch im Haus, als fremde Finger an Großmutters Erbstücken.

[...]

Seth griff in seine Tasche und holte eine kleine knöcherne Sanduhr aus seiner Tasche hervor, drehte sie um und stellte sie vor sich auf den Holzboden. Umgehend bemerkte er, wie um ihn herum alles langsamer verlief. Das Schnarchen des Ehepaars dehnte sich zu einem langsamen unendlich langen Stottern aus, die Staubpartikel im Mondschein, der das Zimmer in ein fahles Licht tauchte, schienen nahezu stehenzubleiben und die Gardine, die sich im Wind, der durch das halboffene Fenster wehte, bewegte, tat dies ebenfalls nur noch im Zeitlupentempo. Allein Seth bewegte sich mit seiner normalen Geschwindigkeit. Viel wichtiger war für ihn jedoch, dass die magische Barriere vor ihm nun nicht mehr flackerte, sondern regelrechte sekundenlange Aussetzer zu haben schien – genug Zeit also, um die Truhe von ihrem vorgesehenen Platz hervorzuziehen. Die Truhe war tatsächlich schwerer, als ihr Material es unter normalen Umständen zuließe, was auf eine doch durchaus ertragreiche Beute schließen ließ. Vorsichtig machte er sich an das Öffnen der Truhe, was ihn wieder dazu brachte, den Kopf schütteln zu müssen. Sie war nicht abgeschlossen.
Im nächsten Moment hätte er am liebsten laut losgeflucht: Die Truhe enthielt lediglich ein schlicht verziertes, wenn auch ziemlich dickes und schweres Buch. Warum war dieser Familie nur so sehr an dem Schutz dieses Buches gelegen? Handelte es sich hierbei etwa um den Stammbaum? Über Jahrhunderte weitergereichte Kochrezepte von der schon längst verflossenen Ururururgroßmutter fünften Grades? Welches Wissen von unvorstellbarem Ausmaß, das solch einen Aufwand wert war, konnte hier schon vor ihm liegen?

Er beschloss das Buch dennoch mitzunehmen und es später in seinen Gemächern eingehend zu studieren. Leider hatte er dafür weniger Zeit, als er geplant hatte. Das männliche Oberhaupt der Familie war genau in diesem Moment unsanft von der Katze geweckt worden, die nichts Besseres zu tun hatte als mit Schwung auf das Bett zu springen und Seth in seiner Aufregung entgangen war.
Blitzschnell griff er eine kleine Kerze aus seiner Tasche, murmelte zwei Worte, dessen Sinn ihm zwar unbekannt war, deren Wirkung er jedoch nur allzu sehr zu schätzen wusste, und stellte sie auf den Boden. Umgehend wurde der ganze Raum von einem blendend weißen Licht überflutet, dass durchaus im Stande war, einen für den Rest seines Lebens erblinden zu lassen, wenn man nicht daran dachte, rechtzeitig die Augen zu schließen. Der Mann war geblendet, die Katze rannte mit Schwung gegen die Wand und Seth nutzte seine Chance und sprang mit dem Buch unter dem Arm durch das Fenster – der Scherben, die sich wie eine Wolke fein um ihn herum verteilten ungeachtet.
Sekunden später kam er sanft und mit der Eleganz einer Katze (hierfür war eine abgetrennte Katzenpfote, die er immer in seinem langen schwarzen Mantel trug, verantwortlich) auf der vom Regen noch feuchten und von magischen Laternen erhellten Straße Atruins auf, verfolgt von den wüsten Flüchen die aus dem Fenster drangen, das er gerade gekonnt in seine Einzelteile zerlegt hatte. Er nahm sich ein letztes Mal Zeit stehen zu bleiben und die kühle Nachtluft in sich aufzunehmen, bevor er sich in Richtung Marktviertel begab, wo seine Wohnung lag.

[1]Wie das geht? Die einfachste Erklärung wäre wohl, dass das Haus glaubt, man wäre sein Besitzer – was während des Betretens auf eine seltsame Art sogar zutrifft.

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